Unsere Martinskirche

   Die Martinskirche liegt am östlichen Rand des Tübinger Universitätsviertels zwischen Nordring und Frischlinstraße. Am 31. Oktober 1955 wurde sie eingeweiht - nach zweijähriger Bauzeit unter Leitung des Architekten Ulrich Reinhardt (1907-1998, Schüler von Paul Bonatz) und des Bauleiters Herr Veit. Vor wenigen Jahren feierten wir ihren 50. Geburtstag.
   Die bescheidene Bauweise und eher karge Inneneinrichtung der Kirche entspricht noch dem Lebensgefühl der unmittelbaren Nachkriegszeit, der Dankbarkeit der Menschen für das zum Leben Nötige. Auch heute kommt diese Schlichtheit dem Bedürfnis vieler Menschen entgegen.

   Von weitem betrachtet ragt der Kirchturm kaum über die Nachbarhäuser am Hang hinaus. Aus der Nähe dagegen erheben sich Turm und Kirche hoch über die anliegende Straße. Wer über den grün umfriedeten Kirchplatz die breite Treppe hinaufgeht zur Eingangstür, meint in eine mittelalterliche Schutzkirche einzutreten. Dieser Eindruck wird im Innern bestätigt: die hoch  angesetzten Fenster bieten einen hellen, aber hoch gemauerten und gegen außen geschützten Raum.  Eine Atmosphäre  wie geschaffen für die vielen Flüchtlinge und Spätheimkehrer, die sich damals der neuen Gemeinde zugehörig fühlen sollten. 
   Trotzdem wirkt die Kirche nach außen nicht abweisend, sondern einladend: Der fast freistehende Turm und der oktogonale Kirchenraum verbreiten  durch ihre Gestalt und Farbe einen Hauch mediterraner Leichtigkeit und Wärme.  Der Baustil vereint im Äußern und im Innern z. T. sehr heterogene Elemente, und so hat die Kirche  trotz ihrer Schlichtheit etwas Heiter-Verspieltes. Der Kirchenraum wird ergänzt durch den im Untergeschoß befindlichen Gemeindesaal mit anschließender Küche. Dort findet während der Woche ein großer Teil des bunten Gemeindelebens statt.   

    Die Innenrenovierung im Jahr 2005 unter Leitung von Architekt Jürgen Braun setzte sich zum Ziel, die Vorzüge des Kirchenraums zu bewahren und seine Helligkeit und Leichtigkeit noch deutlicher hervorzuheben. Besonders an sonnigen Vormittagen ist der Altarraum nun in ein Spiel von Licht getaucht, mit dem Schatten des Kreuzes an der Altarwand. Stühle statt Bänke (mit etwa 350 Sitzplätzen) haben mehr freien Raum geschaffen und ermöglichen verschiedene Gottesdienstformen. Durch die von Architekt Braun speziell entworfenen Verbindungsstücken zwischen den Stühlen, lassen sich die Stuhlreihen im leichten Bogen stellen, die sich sehr schön dem Oval der Kirche anpassen.

     Ihren Namen hat die Martinskirche vom heiligen Martin von Tour. Der Name erinnert aber auch an ein Stück Tübinger Kirchengeschichte: Als Tochter der Stiftskirchengemeinde hat die junge Martinsgemeinde einen der drei Namenspatrone der Stiftskirche (Georg, Maria, Martin), eben den heiligen Martin, vom Holzmarkt mit nach Nordosten in die Frischlinstraße genommen. Auch der Stiftskirche war der Patron einst zugewandert: Als  Graf Eberhard im Bart zwecks Stellenbesetzung die ersten Professoren für die neu gegründete Universität vom Sindelfinger Chorherrenstift St. Martin nach Tübingen holte.

Das Glockengeläut: e-a-h-cis

    Auch die Glocken der Martinskirche erinnern an die Verwandtschaft mit der Stiftskirche: Die drei hohen Glocken führen die phrygische Tonleiter, die in der Stiftskirche mit cis, d, e, fis, gis beginnt, mit den Tönen a, h, cis zu Ende. Zusammen mit der vierten, der e- Glocke, erklingt das melodische Motiv des Adventslieds: Dein König kommt in niedern Hüllen.

Die ´Kunststücke´ in der Martinskirche

   Kunst-Stücke in der Martinskirche: Wenn Sie zur Kirche hinaufgehen, werden Sie  begrüßt vom heiligen Martin und dem Bettler. Ein Bronzerelief über der Eingangstüre zeigt die berühmte Szene der Mantelteilung.   Den Eintretenden empfängt aus der Weite des Raumes der bronzene Kruzifixus zwischen Altar und Chorwand.  Das Relief, den Kruzifixus und  den aus Stein gehauenen Taufsteinengel hat die Tübinger Künstlerin Suse Müller-Diefenbach (1911-1997) geschaffen, zur anfänglichen Ausstattung der Kirche gehörte nur der Taufstein (Muschelkalk 1955), das Kruzifix(Bronze) kam 1959 und das Martinsrelief 1965  dazu. Im Zuge der letzten Innenrenovierung im Jubiläumsjahr 2005 wurde die hölzerne Kanzel aus der Osterbogenwand entfernt und durch einen freistehenden Ambo ersetzt, eine zweiteilige Bronzeskulptur des Tübinger Bildhauers Johannes Kares. Die „Hauptstücke“ werden ergänzt durch ein Wandbild, einen Prägedruck des Dortmunder Künstlers Günther Uecker: Ein unter einem Nägelhagel berstender Davidstern  erinnert an den Kruzifixus und zugleich an die Schuld der Kirchen gegenüber den Juden bis zu ihrer Ausgrenzung und Ausmordung in der Zeit des Nationalsozialismus – auch der Juden und Judenchristen unsrer Stadt. Die 3-manualige Orgel auf der Empore der Martinskirche wurde 1957 von der Orgelbau-Firma Weigle, Echterdingen, eingerichtet.

Lassen Sie sich zum Betreten der Kirche einladen!

   Die Martinskirche steht auch werktags tagsüber offen – zur Einkehr, Besinnung, Erholung, zum Gebet … für alle, die herkommen wollen oder zufällig vorbeikommen und gerne in einen Raum der Stille einkehren möchten. 

Wer sonntags am Gottesdienst der Gemeinde teilgenommen oder ein Konzert besucht oder im Alltag einfach eine Zeit der Ruhe genossen hat,  verlässt die Martinskirche nicht ohne ein Wort des Vertrauens und der Zuversicht (es steht an der Emporenwand über dem Ausgang geschrieben):

 

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege (aus Psalm 119).

Die Lutherrose

Lutherrose

Die im Fußboden des Turms eingelegte Lutherrose

  Dass wir in unserer Martinskirche eine symbolische Rose beherbergen, wissen nur wenige.
Sie ist eingelegt in den Fußboden des Kirchturms und bildet dort seine Mitte, bevor einen die Stufen über zwei Wendeltreffen hinauf- oder hinunterführen.
Diese Stein-Rose ist eine vereinfachte Form der Lutherrose.

Ursprünglich war die Rose das Wappen von Martin Luthers Familie; später wurde sie zum Wahrzeichen der Reformation. Als süddeutsche Evangelische erinnert sie uns auch daran, dass wir in Württemberg eine „evangelisch-lutherische Landeskirche“ sind, was man (bedingt durch die Nähe und den Einfluss der Schweizer Reformation) in unserer Liturgie freilich so gut wie nicht merkt.

Die Lutherrose in ihren verschiedenen Farben wurde durch den Reformator neu belegt und gedeutet.

Aus Luthers Briefwechsel Band 5 (Weimarer Ausgabe)
„Das erste sollte ein Kreuz sein, schwarz im Herzen, das seine natürliche Farbe hätte, damit ich mir selbst Erinnerung gäbe, dass der Glaube an den Gekreuzigten mich selig macht. Denn so man von Herzen glaubt, wird man gerecht. Solch Herz aber soll mitten in einer weißen Rose stehen, anzeigen, dass der Glaube Freude, Trost und Friede gibt. Darum soll die Rose weiß und nicht rot sein; denn weiße Farbe ist der Geister und aller Engel Farbe. Solche Rose steht im himmelfarbenen Feld, dass solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlischen Freude zukünftig. Und um solch Feld einen goldenen Ring, dass solche Seligkeit im Himmel ewig währet und kein Ende hat und auch köstlich ist über alle Freu- de und Güter, wie das Gold das edelste, köstlichste Erz ist.“