Willkommen im Martins-Jahr 2016!

Aus dem Martinsbrief 2/2016

Liebe Gemeinde,

ja, es gibt schönere Blütenfotos! - antworte ich auf die kritische Anfrage eines Freundes, der mir über die Schulter schaut. Und ich denke dabei an ge- rade sich öffnende Apfelblütenknospen; die atmen geradezu etwas Vollkom- menes. Hier hingegen sieht man das Flüchtige; kurz ist die Zeit der Blüte: sie will nicht bleiben, sie drängt hin zur Frucht! Ein bisschen ähnlich ist es auch in einer Gemeinde, kommt mir der Ver- gleich. Da gibt es Zeiten der Blüte, wunderbare Anfänge und Aufbrüche. Doch dann geht es weiter, wächst und gedeiht – oder auch nicht. Das Leben- dige verändert sich, die Blütenblätter fallen, und ob die Blüten zur Frucht wachsen und reifen, das zeigt sich erst mit der Zeit.

60 Jahre alt ist das „Gewächs Martinsgemeinde“ inzwischen. In diesen Jah- ren hat manches geblüht, ist aber auch verblüht. Doch vieles ist gewachsen über eine lange Zeit und zur Frucht gereift. Frucht, die nicht nur uns hier vor Ort stärkt, sondern auch weit über unsere Gemeindegrenzen hinaus nährt und hilft. Andere schätzen es, sich einfach an unseren „Gemeinde-Baum“ anleh- nen zu können oder in seinem Schatten zu verweilen.

Dass unsere Martinsgemeinde weiter lebt und gedeiht, blüht und Blüten abwirft, aber vor allem Früchte reifen lässt, darauf kommt es an. Denn dann entsprechen wir dem Wort und der Bitte von Jesus, der sagt: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt. (Johannes 15,16)

Um gemeinsam anzuschauen, was denn da alles gewachsen ist und weiter reift, laden wir Sie alle herzlich ein zu unserem Gemeindeforum am 10. Juni. Hier werden sich alle Gruppen, Kreise und Initiativen zeigen, die derzeit in unserer Martinsgemeinde aktiv sind. „Forum“ heißt es deshalb, weil wir auch gemeinsam überlegen, reden und weiterdenken wol- len, in welche Richtung wir gehen und weiter reifen wollen.

Das Gemeindeforum findet im Rahmen der Visitation durch die Kirchen- leitung statt. Das heißt: Dekanin Elisabeth Hege und Schuldekan Joachim Heese werden unsere Gemeinde besuchen, um sich ein Bild vom Leben und Arbeiten in unserer Gemeinde zu machen. Alles, was also derzeit an unserem „Martins-Gemeinde-Baum“ blüht und wächst oder auch etwas „vor sich hin- kümmert“, wird dabei sein. Nutzen auch Sie diese Gelegenheit, kommen Sie, staunen Sie mit uns und denken Sie mit! Wir freuen uns über das Interesse jedes einzelnen Gemeindeglieds! Da es auch einen kleinen Imbiss geben wird, ist auch alle Art von „Fingerfood“ herzlich willkommen…

Herzlich grüßt Sie Ihre
(gez. Hanna hartmann)

Aus dem Martinsbrief 1/2016


Axel von Criegern: Der Heilige Martin
Dieses Jahr feiern wir den 1700. (eintausendsiebenhundersten) Geburtstag unseres Kirchenpatrons!

Nach neuerer Rechnung wurde Martin von Tours im Jahr 316 n. Chr. geboren. Monat und Tag seiner Geburt sind uns nicht überliefert. Trotz seines hohen Alters ist der heilige Martin erstaunlich jung geblieben.

Immer noch und immer wieder ist der Nachfolger Jesu seiner Kirche weit voraus. Als Antipode der „Konstantinischen Wende“ von der Katakomben- Kirche zur Kirche der Privilegierten und Nutznießerin, ja Inhaberin der politischen Macht. Martin war ein prominenter Kritiker innerkirchlicher Hierarchisierung, Vertreter der Gemeinden an der Basis (er hat selber unzählige Parochialgemeinden gegründet, um dem zentralisierenden Machtzugriff der Bischöfe entgegenzuwirken) und konsequenter Parteinahme für die Armen. Als solcher ist der inzwischen Hochbetagte immer noch präsent!

Zu seinem Jubiläum grüßt Sie der heilige Martin mit einer tänzerischen Geste. So leichtfüßig und -gewichtig wie auf dem kolorierten Papierrelief von Axel von Criegern (aus dessen umfangreichem Martinsbilder-Zyklus) finden wir den Heiligen sonst nirgends dargestellt. Ein Hauch nur, eine flüchtige Bewegung, doch in leuchtenden Farben und mit kräftigen Pinselstrichen leichthin aufs Papier getupft. Wer weiß, vielleicht mitten aus der Bewegung des Teilens von Wort und Mantel ...

Ist der frierende Arme mit auf dem Bild? Schon eingebunden in die Be- wegung, mitumhüllt vom noch martins-körperwarmen Mantel? Oder zieht der Heilige anstelle des Armen uns mit hinein in die sanfte Bewegung der Barmherzigkeit? Jedenfalls bewegt sich Martin nicht als Solotänzer, weltvergessen um sich selber kreisend. Sein ‚Tanz’ ist paarweise auszuführen, mit Rücksicht auf den „Herrn“, auf die „Dame“, wie mein Old-School- Tanzlehrer gesagt hätte. Ja, warum zur Feier des Tages nicht einmal getanzte Barmherzigkeit? Nichts von der angestrengten ‚Haltung’, kein mühsames Herabbeugen des Höheren zum Niedrigen! Wer könnte auch in solch künst- licher Haltung verharren? Barmherzigkeit hält in Bewegung, ist Bewegung von innen heraus, weil sie Freude macht: bereichert sie doch immer zweie, bewegt Fremde auf einander zu, bringt Menschen miteinander in Berührung. Mit Herzen, Mund und Händen. Und darum leichten Fußes.

Ich glaube, auch das können wir vom heiligen Martin lernen, und das tut gut. Denn solch beschwingte Freude hat man nicht immer. Freude ist ja kein Dauerzustand. Wir brauchen immer wieder ihren sanften Anstoß von außen, um aufs Neue den Dreh rauszukriegen: für den Besuch im Pflegeheim; für das Begleiten eines Flüchtlings beim Behördengang oder bei der Wohnungssuche und vor allem auf seinem oft unendlich schweren Weg aus dem Gefängnis traumatischer Erinnerungen; oder in der Vesperkirche, wo jeder zwischen den eng gestellten Tischen den richtigen Dreh finden muß fürs freundliche Servieren des Essens, oder fürs rechte Wort, wenn ein Gast, der von Aus- grenzung und Nichtachtung verletzt und erschöpft ist, Ansehen braucht und Ermutigung...

Vor kurzem in der Vesperkirche berichtete Frau Schwarz-Österreicher, die Leiterin des Sozialamts, von „Armut in Tübingen“. Armut in unsrer Stadt sei im Vergleich zu größeren Städten „kein Problem der großen Zahlen“, trotzdem sind 5,3 Prozent der Bevölkerung von Armut betroffen, und Armut sei nicht nur Geldmangel, sondern eine „Lebenslage“: Mangel in elementaren Lebensbereichen wie Wohnen, Bildung, Gesundheit, Arbeit, Kleidung, Ernährung, Mobilität und Kommunikation. Auch wir Tübinger „müssten uns fragen lassen, warum wir es hinnehmen, dass in einem der reichsten Länder der Welt Menschen Mangel leiden müssen.“

Solche und andere Fragen und Aufgaben werden uns als Martins-Gemeinde auch während der sogenannten Visitation beschäftigen. Der Gemeindebesuch von Frau Dekanin Hege wird uns Gelegenheit geben, im Kirchengemeinderat, in Gruppen und Kreisen und vor allem bei einem Gemeindeforum eine Bestandsaufnahme vorzunehmen und Perspektiven für die Zukunftsbedingungen und -aufgaben unserer Martinsgemeinde zu entwickeln. Dabei möchte ich nicht vergessen, dass Frau Schwarz-Österreicher in der Vesperkirche angeboten hat, auch die Kirchengemeinden in ein Projekt einzubinden, das Schulen, Kitas, Jugendeinrichtungen, Stadtteiltreffs, Unterstützerkreise für Flüchtlinge und Vereine zu einem Armuts-Präventionsprojekt mit einander vernetzen will. „Mit sozialer Beratung und Gemeinwesenarbeit sollen bürgerschaftliches Engagement und professionelle Hilfe gut auf einander abgestimmt werden, Nachbarschaftshilfe angeregt werden und die Menschen direkt vor Ort Beratung und Unterstützung finden“.

Ich freue mich, dass der Gemeindebesuch der Dekanin in unserer Gemeinde in einem Martinsjahr und „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ stattfindet! Ein guter Kontext für die Entwicklung neuer Perspektiven und Aktivitäten mit dem heiligen Martin in der Spur seines unvergleichlichen Vor-Gängers!
Herzlich grüßt Sie Ihr Christoph Cless